
Factoring. Mittelständlern machen lange Zahlungsziele zu schaffen. Wer hingegen Forderungen verkauft, vergrößert seinen Spielraum.
Die Entscheidung ist Kurt Bach nicht schwergefallen. Als er vor knapp fünf Jahren den Aluminiumspezialisten MG NE Produkthandel GmbH übernahm, konnte der Geschäftsführer vor allem eines nicht gebrauchen: Kunden, die ihre Rechnungen erst nach 60 Tagen oder noch später bezahlen. "Daher haben wir uns von Beginn an für Factoring entschieden. Nur so war und ist gewährleistet, dass wir für unsere erbrachten Leistungen zeitnah Liquidität erhalten", so Bach.
Davon können Firmenchefs nur träumen, die kein Factoring betreiben, ihre Forderungen also nicht verkaufen. "Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass kleine und mittelständische Unternehmen immer längere Zahlungsziele ihrer Kunden akzeptieren müssen", weiß Volker Ernst, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Factoring. Im Schnitt warten Lieferanten zwischen Kiel und Konstanz 40 bis 50 Tage, erst dann wird eine Rechnung beglichen. Gleichzeitig gewähren ihnen Geschäftspartner, von denen sie Waren und Dienstleistungen beziehen, häufig keine längeren Zahlungsziele. Was bleibt, ist eine Finanzierungslücke, die Factoring schließt.
Firmen gewinnen Spielraum
Kein Wunder: Die Zahl der Firmen, die diesen Service schätzen, wächst rapide. Wer seine Forderungen an eine Factoringgesellschaft veräußert, die auch Faktor genannt wird, der "erhält in der Regel innerhalb von 24 Stunden bis zu 90 Prozent des jeweils ausstehenden Rechnungsbetrages", erklärt Hendrik Harms, Geschäftsführer der zur Sparkassen-Finanzgruppe zählenden Deutschen Factoring Bank. Der Restbetrag fließt, sobald der säumige Geschäftspartner, Debitor genannt, die ausstehende Rechnung beglichen hat.
Dadurch gewinnen Firmen wertvollen Spielraum: Sie können mit ihren Abnehmern längere Zahlungsziele vereinbaren und auf diesem Weg Konkurrenten ausstechen, die nicht so flüssig sind. Auch im Einkauf sind diese Firmen besser aufgestellt. Volker Ernst: "Durch die sehr zeitnah zur Verfügung stehende Liquidität lassen sich Preisnachlässe auf den Rechnungsbetrag für prompte Bezahlung aushandeln, die zu Einsparungen führen." Da die offenen Forderungen durch das Factoring nicht die Firmenbilanz belasten, verbessern Betriebe damit auch ihre Position gegenüber der Hausbank. Denn mit mehr Unternehmenssubstanz steigt ihre Kreditwürdigkeit.
Geschäftsführer Bach hatte von den Vorzügen dieser Finanzierungsform über einen Firmenkundenberater der Taunus-Sparkasse erfahren, der im zweiten Schritt auch den Kontakt zur Deutschen Factoring Bank herstellte. Den geforderten Jahresumsatz von mindestens 1 Million Euro erfüllt er problemlos. Sebastian Heilig, Produktmanager Finanzierung bei der Hamburger Sparkasse (Haspa): "In der Regel erfordert Factoring jedoch keinen Mindestumsatz." Experte Ernst fügt hinzu: "Selbst für neu gegründete Unternehmen, deren Umsatzhöhe noch ungewiss ist, eignet sich Factoring."
Beliebter Komplettservice
Besonders beliebt ist bei Firmenchefs die Rundum-sorglos-Variante dieser Finanzierungsform, das echte Factoring. Dabei sichern sie sich zu 100 Prozent gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls ab. Harms verdeutlicht: "Das Unternehmen bekommt sein Geld selbst dann, wenn einer seiner Debitoren zahlungsunfähig oder insolvent ist." Darüber hinaus übernimmt das Factoringinstitut meist zusätzlich die Verwaltung der Forderungen, das Mahnwesen und das Inkasso.
Lagert ein Unternehmen auf diese Art sein Debitorenmanagement aus, schlägt sich dies auch in der Factoringgebühr nieder. Darüber hinaus bestimmen die Anzahl der säumigen Geschäftspartner und deren Bonität die Höhe der Kosten. Kurzum, so Harms: "Die Factoringgebühr wird von zahlreichen Faktoren bestimmt - und ist somit individuell zu berechnen." Grundsätzlich setzt sich der Preis jedoch aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen sind Zinsen für die Vorfinanzierung in Höhe von weniger als 1 Prozent zu zahlen. Richtgröße ist dabei der Euribor-Satz, den Banken untereinander für Drei-Monats-Geld zahlen. Des Weiteren wird eine Gebühr für die Dienstleistung fällig, die bis zu 3 Prozent der jeweiligen Forderung beträgt. Wer indes das Risiko des Zahlungsausfalls als Firma selbst übernimmt und sich damit für das unechte Factoring entscheidet, der zahlt neben dem Finanzierungszins eine geringere Gebühr von rund 0,5 Prozent.
Geschäftsführer Bach hat sich für das unechte Factoring entschieden. Mithin trägt MG NE Produkthandel das Ausfallrisiko. Das geht problemlos, weil Bach separat eine Warenkreditversicherung abgeschlossen hat. Die deckt Forderungen aus Lieferungen und Dienstleistungen gegenüber Kunden, die sich als zahlungsunfähig erweisen. "Diese Lösung lohnt sich für unser Unternehmen", betont der Geschäftsführer.
Franz von den Driesch