
Factoring hat sich in Deutschland zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument entwickelt.
Welche Erfahrungen machen Unternehmen damit?
Das zeigt eine aktuelle Umfrage.
VON THOMAS HARTMANN-WENDELS
Factoring, der fortlaufende Verkauf von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen an eine Factoring-Gesellschaft, hat sich in Deutschland zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument entwickelt. Das Volumen hat sich zwar in den letzten zehn Jahren versechsfacht und wird 2011 voraussichtlich über 150 Milliarden Euro liegen. Dennoch hinkt die Entwicklung anderen Ländern wie Italien, Spanien oder Großbritannien hinterher. Branchen, in denen Factoring überdurchschnittlich häufig genutzt wird, sind Handel/Handelsvermittlung, Ernährungsgewerbe, Maschinen- und
Fahrzeugbau, Metallverarbeitung, Dienstleistungen, Elektronik und elektronische Bauelemente. Branchen, wie zum Beispiel das Baugewerbe, in denen Forderungen häufig einredebehaftet sind und/oder Leistungen in Teilen erbracht werden, eignen sich nicht für Factoring.
Eine repräsentative Umfrage unter rund 1200 Mittelständlern ergab, dass Factoring weniger von kleinen Unternehmen, sondern häufiger von mittelständischen Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern und mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz genutzt wird. Dies unterscheidet Deutschland von anderen Ländern, in denen schwerpunktmäßig kleine Unternehmen auf Factoring zurückgreifen. Unternehmen, die Factoring einsetzen, haben einen überdurchschnittlich hohen laufenden Finanzierungsbedarf für das Umlaufvermögen. Dieser Bedarf resultiert sowohl aus einem im Vergleich zur Bilanzsumme hohen Forderungsbestand als auch aus der Gewährung längerer
Zahlungsziele an Kunden.
Die hauptsächlichen Motive für die Nutzung von Factoring sind die Sicherung der Liquidität, die Schaffung einer stabileren Finanzierungsbasis und eine größere Unabhängigkeit von Banken. Factoring wird selten genutzt, um den Bankkredit zu ersetzen, stattdessen geht es darum, die Finanzierungsmöglichkeiten um eine zusätzliche Option zu erweitern. Befürchtungen, die eigene Hausbank könnte auf die Einführung von Factoring negativ reagieren, erwiesen sich meist als unbegründet. Für kleinere Unternehmen ist der Schutz vor Zahlungsausfallen besonders wichtig,
größere Unternehmen nutzen Factoring auch, um ihre Bilanz zu verkürzen und damit die Eigenkapitalquote zu verbessern.
So vielfaltig wie die Motive für Factoring sind auch die Facetten des Produkts: Neben der Finanzierung des Umlaufvermögens bewirkt Factoring eine Risikoentlastung, weil die Factoring-Gesellschaft das Ausfallrisiko der Forderungen übernimmt. Dies wiederum hilft, das eigene Rating zu verbessern, und bietet die Chance, Kredite zu günstigeren Konditionen zu erhalten. Weitere Vorteile von Factoring sind: Die eigenen Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung können schneller bezahlt werden, so dass Skonti genutzt werden, den Kunden können dagegen längere Zahlungsziele eingeräumt werden, um den Absatz der eigenen Produkte zu fördern. Für kleinere Unternehmen ist die Auslagerung des Debitorenmanagements ein wichtiges Argument für die Nutzung von Factoring.
Unternehmen, die über ihre Erfahrungen mit Factoring befragt wurden, zeigten sich überwiegend zufrieden. Die Einführung des Forderungsverkaufs verlief meist problemlos und dauerte im Durchschnitt sieben Wochen. Über negative Reaktionen von Kunden oder Banken wurde nur selten berichtet. Auch das Image des Factorings wird von denjenigen Unternehmen, die Factoring nutzen, durchweg positiv eingeschätzt. Finanz- und Steuerberater, die über die Auswirkungen von Factoring auf ihre Mandanten befragt wurden, bestätigen das durchweg positive Image von Factoring.
Ganz anders dagegen sind die Einschätzungen von Unternehmen, die noch keine Erfahrungen mit Factoring gemacht haben: Dort wird dem Factoring selten ein positives Image beigemessen. Stattdessen ist die Ansicht verbreitet, dass dem Factoring der Ruf anhafte, ein Finanzierungsinstrument zu sein, auf das nur im Notfall zurückgegriffen wird, wenn mangels ausreichender Bonität andere Finanzierungsquellen versiegt sind. Dementsprechend sind die Befürchtungen groß, dass eine Einführung von Factoring als Zeichen einer verschlechterten Bonität aufgefasst wird und Kunden abwandern. Aus der Umfrage wurde aber auch deutlich, dass viele Unternehmen, insbesondere kleine Unternehmen, sich noch gar nicht mit Factoring befasst haben und ihre Ablehnung eher einem Bauchgefühl entspricht.
Als ein weiteres Hemmnis gegen die Einführung von Factoring wurde häufig das Kostenargument genannt. Dies mag im Einzelfall durchaus zutreffen; häufig wird bei einem Kostenvergleich von Factoring und Bankkredit vermutlich jedoch nicht bedacht, dass Factoring nicht nur eine Finanzierungsfunktion hat, sondern auch Risiken auf die Factoring-Gesellschaft überwälzt werden. Der größere finanzielle Spielraum sowie die Risikoentlastung sind Vorteile, die der Factoring-Gebühr gegenüberzustellen sind.
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise erwarten 80 Prozent der Berater und rund ein Viertel der Unternehmen, die Factoring nutzen, künftig einen verstärkten Einsatz von Factoring. Unternehmen, die kein Factoring nutzen, sehen auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise überwiegend keinen Bedarf, künftig auf Factoring zurückzugreifen. Dabei sind vermutlich die Folgen der neuen Bankenregulierung noch nicht bedacht: Die durch Basel III verschärften Anforderungen an die Eigenmittelunterlegung werden dazu führen, dass die Banken künftig Zurückhaltung üben werden bei Geschäften, die wie die Kreditvergabe in hohem Maße Eigenkapital binden. Umso wichtiger wird es
für die Unternehmen, die Finanzierungsbasis zu erweitern, Factoring kann hierbei ein nützlicher Baustein im Finanzierungsmix sein.
Univ.-Prof. Dr. Thomas Hartmann-Wendels
Seminar für Bankbetriebslehre der Universität zu Köln, Köln
FACTORING
Inhouse oder Full Service?
Ganz überwiegend genutzt wird der Forderungsverkauf in der Variante des Inhouse-Factoring, bei dem das Debitorenmanagement in der Hand des Factoring-Kunden verbleibt und die Factoring-Gesellschaft die Vorfinanzierung der Forderungen sowie das mit den Forderungen verbundene Ausfallrisiko übernimmt. Weniger verbreitet ist das Full-Service-Factoring, bei dem die Debitorenbuchhaltung, das Mahn- und Inkassowesen sowie die regelmäßige Prüfung der Kundenbonität auf die Factoring-Gesellschaft ausgelagert werden.